Feministisch …ums Ganze! kämpfen?!

Am 10. Januar 2014 hatte die Göttinger …ums Ganze! – Gruppe Redical M zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Who cares? Feministisch …ums Ganze! kämpfen?!“ eingeladen. Die Veranstaltung fand in Göttingen statt. Im Folgenden  findet sich hier der Beitrag der Bremer …ums Ganze! Gruppe Basisgruppe Antifaschismus (BA) zur Veranstaltung als Fließtext zum Nachlesen als auch die Mitschnitte der Veranstaltung bzw. der anschließenden Diskussion. 

Der Vortrag zum Anhören

Die Diskussion zum Anhören

Who cares? Feministisch …ums Ganze! kämpfen?!

Skript zur Veranstaltung am 10. Januar 2014 in Göttingen
Stand: 16.01.2014 | BA Bremen | Benötigte Zeit: ca. 50 Min

0. In diesem Vortrag wird Theoriebildung als Systematisierung von Alltagserfahrungen verstanden. Dies kann natürlich auch beinhalten, Alltagserfahrungen zu kritisieren. Ausgangsfrage ist für uns immer:„Warum, und wie, kommt ein bestimmter Sachverhalt zu Stande?“ und: „Was ziehen wir für politische Schlussfolgerungen daraus?!“ Theorie ist für uns also immer Mittel zum Zweck – zum Zweck der Überwindung dieser Gesellschaftsformation. Uns geht es nicht darum zu beweisen wie viele Bücher wir gelesen haben oder welche schlauen Debatten wir gerade geführt haben.

Unter Feminismus verstehen wir eine Gesellschaftskritik mit allgemeinem Befreiungsanspruch vom Standpunkt von FrauenLesbenTrans*. Das feministische an dieser Veranstaltung ist der Standpunkt vom dem wir unsere Analyse aus betrachten und versuchen Stärken und Leerstellen zu finden. Deshalb wird im Folgenden weniger von Feminismus, sondern von Geschlechterverhältnissen die Rede sein. Wir versuchen mit einer feministischen Perspektive, den allgemeinen Geltungsanspruch unserer Analyse zu prüfen – und, ob dieser auch in der Realität eingelöst wird. Dazu gehören auch sehr wichtige Fähigkeiten: Der Impuls verstehen zu wollen und sich selbst verunsichern lassen zu können. Die Vorbedingung dazu ist, Lernen zuzuhören.

Zur Atmosphäre: Manchmal ist es ein wenig schwierig für eine gemischt-geschlechtliche Gruppe wie uns, deren Außenwirkung häufig auf Veranstaltungen durch Männer geprägt wird, über Geschlechterverhältnisse und insbesondere über die Lage von FrauenLesbenTrans* zu reden. Wenn euch also irgendwas nicht passt, dann äußert das auf jeden Fall nachher in der Diskussion. So können wir eventuelle Missverständnisse hoffentlich schnell klären.

Danksagung an AK Reproduktion beim Feministischen Institut HH/ RLS, Kolloquium zur sexuellen Differenz Hannover, Tove Soiland, Redaktion Diskus, Gruppe Subway aus Göttingen, allen Genoss*innen bei uG, dem Gegenstandpunkt und alle, die wir vergessen haben! Wir haben uns bemüht die Kritiken zu berücksichtigen und versuchen auf sie einzugehen.

Wir werden im heutigen Vortrag die These vertreten, dass die kapitalistischen Verhältnisse den Rahmen für verschiedene Herrschaftsverhältnisse und Ideologien bilden. Konkret bedeutet dies für das Patriarchat IN DIESEN Verhältnissen, dass es kapitalistisch überformt ist. Aus der Form, wie dieses Zusammenspiel auf verschiedenen Ebenen wirkt, ergeben sich strategische und taktische Konsequenzen für die politische Praxis. Das klingt jetzt an dieser Stelle noch ein wenig verschwurbelt – wird aber hoffentlich im Laufe des Abends verständlicher. Wir müssen allerdings dazu sagen: Wir vertreten hier erst einmal die Position der BA aus Bremen – die Diskussion bei uG steht in der Ausführlichkeit noch aus.

Um deutlich zu machen wie wir auf die oben genannte Behauptung kommen – und was wir daran für so produktiv halten – holen wir ein klein wenig aus und versuchen euch unsere Herleitung darzustellen. Dazu gehen wir drei Schritte:

Vorgehen:

  • Abschnitt I: Wie ist unsere Methode der Analyse und Kritik?
  • Abschnitt II: Wie können wir damit die Geschlechterverhältnisse begreifen?
  • Abschnitt III: Wie haben wir das konkret im WKR-Aufruf versucht?

Abschnitt I: Zu unserer Methode der Analyse und Kritik?

1. Das Thema Geschlechterverhältnisse lässt sich mit unsere Analysemethode eigentlich ganz gut fassen. Das wir unsere Theorie dafür– verstanden als Werkzeug – zu wenig nutzen, liegt an außer-theoretischen Voraussetzungen: der bürgerlich-patriarchal verfassten Gesellschaftsformation. Dies ist jetzt keine Entschuldigung, sondern eine Kontextualisierung. Das Werkzeug zu haben ist das Eine – es auch zu nutzen das Andere.

2. Kein anderes Thema lässt Menschen die eigene Involviertheit in die Verhältnisse so unmittelbar erfahren – und das von Kindesbeinen an, wie das Thema Geschlechterverhältnisse. Dies macht auch ein Teil der Schwierigkeit aus, darüber zu reden. Vermittelt über die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung, ist mit dem Thema automatisch die Konfrontation mit unserem eigenen Unbewussten verbunden – und den Bedingungen unter denen wir Menschen zueinander gesetzt sind und uns gegenseitig kaputt machen. Konkret geschieht dies über die Keimzelle dieser Gesellschaft: Der bürgerlich-patriarchalen Kleinfamilie. Als erste gesellschaftliche Instanz werden wird dort mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen konfrontiert – und diese in einer bestimmten Art und Weise verhandelt: Autonomie und Abhängigkeit, Anerkennung und Differenz, die eigene Begrenztheit usw. – immer beides als Kehrseiten derselben Medaille. Vermittelt über unsere Eltern (egal ob Hetero, Homo oder Transgender!) stecken wir in diesem Dilemma fest, mit der Folge, dass wir oft „die Hand lieben die uns schlägt“ (Adorno). Gerade in dieser Instanz gibt es aber zwei Varianten in diesen Verhältnissen aufzuwachsen – in männlicher und weiblicher Position – was nicht das gleiche ist wie „Mann-Sein“ und „Frau-Sein“! (weiter hinten ausführlicher).

Das Thema Geschlechterverhältnisse ist somit vermittelt über dessen bloße Existenz und gesellschaftliche Bedeutung, die auch Auswirkungen auf unsere Psyche hat, überformt – und wird dies unser Leben lang sein. Diese Überformung hat Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Bereiche und ist der Grund warum das Thema Geschlechterverhältnisse häufig von psychischen Dynamiken überlagert ist. Dieser Tatbestand kann auch erklären, dass das Thema nicht nur häufig nicht beachtet – sondern vielmehr aktiv verdrängt wird– zumindest gilt das häufiger für den Umgang vieler Genossen – was natürlich nicht bedeutet, dass es nicht auch Genossinnen geben kann, die sich damit nicht beschäftigen wollen. Diese Bedingungen machen es zwar nicht unmöglich miteinander produktiv ins Gespräch zu kommen – sie machen es aber sehr, sehr schwer.
Ein Beispiel aus unserer Gruppe im Vorfeld: Diskussion: Wie feministisch kann eigentlich eine gemischt-geschlechtliche Gruppe sein? Und: wer hat eigentlich die Definitionshoheit? Wer spricht für wen?
Diese Diskussion verlief auch anhand der Frage: „Welche Bilder existieren eigentlich von uns als uG-Gruppen von Außen?“ Und: ob wir uns zum Thema Geschlechterverhältnisse überhaupt ‚glaubwürdig‘ positionieren könn(t)en?! Daran anschließend: „Wie können wir das Thema angehen ohne zu verursachen das Genoss*innen aus anderen Gruppen sich ‚ihres‘ Themas beraubt sehen?!“ Auch wenn diese Möglichkeit besteht, werden wir unsere Position darlegen.
Das Auftreten von uns, größtenteils post-autonomen Antifas von …ums Ganze!, hat ebenfalls seinen Anteil daran ob wir wohlwollend aufgenommen werden oder mißtrauisch beäugt werden. Um das noch zu Kontextualisieren: Einen Wahrheitsanspruch zu haben ist das Eine – konkret mit anderen diskutieren zu wollen und dabei unser Gegenüber verstehen zu wollen, sich gegenseitig etwas neues beizubringen oder sich vielleicht selbst überzeugen zu lassen, ist noch was Anderes!

Das Thema Geschlechterverhältnisse konfrontiert uns somit qua Sozialisation -überformt von diesen Verhältnissen – immer mit der eigenen Begrenztheit („Was weiß ich?“ „Was kann ich wissen?“) der Endlichkeit („Alles beginnt und hat ein Ende“), mit Ohnmachtsgefühlen, Wut und Trauer, Autonomie und Abhängigkeit.

Um Missverständnisse zu vermeiden: In allen gesellschaftlichen Themen zeigt sich diese Verstricktheit – jedoch mit unterschiedlichen Auswirkungen. Sei es Lohnarbeit, Antisemitismus, Nationalsozialismus usw.

3. An dem vorherigen Beispiel zeigt sich: das Thema Geschlechterverhältnisse wird immer auf zwei Ebenen gleichzeitig verhandelt – und dies überhaupt zur Kenntnis genommen zu haben, verdanken wir allen Genossinnen die dafür kämpften- : a) der analytischen Ebene („Wie kommen diese gesellschaftlichen Verhältnisse zu Stande?“ „Mit welchem Begriffsinstrumentarium fassen wir die Verhältnisse die uns so miteinander kaputt machen?“) und b) der praktischen Ebene („Wie gehen wir eigentlich damit konkret in unserer Gruppe/ radikaler Linker im Alltag damit um?“ „Wie organisieren wir uns?“)
Damit lassen sich zwei Ebenen analytisch trennen – praktisch fallen sie jedoch zusammen. Im Vorfeld beschäftigte uns sehr stark, wie eigentlich mit dem Thema in der radikalen Linken umgegangen – und auch bei wie das Thema bei …ums Ganze!, verhandelt wird. Und: „Wie wird eigentlich uG von Außen wahrgenommen? „Welche konkreten Erfahrungen haben Genoss*innen mit uns gemacht?“

An dieser Stelle wird auch nochmal deutlich, dass es einen großen Unterschied macht, mit welcher Gruppe man es zu tun hat. Ob nun die RedicalM, Gruppe Gegenstrom, Fast Forward oder die BA aus Bremen vor euch steht. Und alle diese Gruppen haben einen eigenen Umgang und eine Gruppendynamik – wie wir das in Bremen auch nennen: einen Gruppenbeat. Das kann gut und schlecht sein – erst einmal existieren diese Umstände. Wir halten das auch nur für erwähnenswert, da wir Menschen kennen die das entweder abstreiten oder als unzureichend durchgesetztes Standardisierungsverfahren verhandeln. Doch: die Eindrücke von einzelnen Menschen haben immer eine Auswirkung auf die Form und den Inhalt dessen, was und wie wir uns wahrnehmen!

4. Wir richten uns mit dieser Veranstaltung an zwei Zielgruppen: Dem Milieu aus dem wir kommen: die antiautoritäre radikale Linken als Gesamtes– und an uG – als Teil der internen Debatte.

5. Kommen wir zurück zu der Ausgangsbehauptung: Wir haben das theoretische Werkzeug um uns mit Geschlechterverhältnissen von einem feministischen Standpunkt aus beschäftigen zu können, nutzen es aber zu wenig. Erfahrungsgemäß, ist es in Veranstaltungen hilfreich gewesen, um Missverständnisse zu vermeiden, ein wenig zu erklären aus welcher theoretischen Strömung wir entstanden sind. Als Kinder der Neuen-Marx-Lektüre (Ein paar AutorInnen zur Einordnung: Nadja Rakowitz, Christine Kirchhoff, Roswitha Scholz, Michael Heinrich, Ingo Elbe, Moishe Postone, Johannes Agnoli u.v.m. ) der in den 1960er Jahren entstandenen Strömung (Hochburgen: Westberlin, FFM, Bremen) besitzen wir ein hohes Wissen um den Geltungsbereich und die Begrenztheit der Marxschen Analyse: wir können nicht alles mit Marx erklären – das macht aber auch gar nichts1. Das klingt vielleicht in Zeiten in denen vom Ende der Geschichte die Rede ist, banal. Im Kalten Krieg war es das nicht. Und, wenn man sich so manche Linken anschaut, dann scheinen sie immer noch – zumindest rhetorisch – im Kalten Krieg zu leben.
Denn die Welt des alten Mannes hat sich seither in vielen Dingen geändert, und für einige Dinge ist er leider zu früh gestorben. Oder er hat sich bestimmte Fragen nicht gestellt. Oder noch zugespitzter: Wie sollte denn ein Mann die Erklärung für das Universum, das Leben und Alles (Zitat aus „Per Anhalter durch die Galaxis“) entwickeln?! Für andere Dinge brauche ich eben auch andere Theorien – wie beispielsweise die Psychoanalyse, oder die empirische Sozialforschung und so weiter und so fort.
So, wie wir das gerade dargestellt haben, könnte es so aussehen, als wenn diese Neue-Marx-Lektüre ein westdeutsches Phänomen wäre. Ist sie aber nicht. Sondern sie hat ihre Vorläufer im so genannten westlichen Marxismus deren VertreterInnen jedoch auf allen Teilen der Erde zu finden sind – als Abgrenzung zum Traditionsmarxismus des Marxismus-Leninismus. Eine wichtige Debatte im Zuge der Neuen-Marx-Lektüre war, welche Methode der Marx entwickelt hat, und was genau Formanalyse ist. (kommt gleich ausführlich).

6. Wie bereits ganz am Anfang erwähnt, denken wir, dass ihr am besten versteht warum wir so agieren wie wir das tun, wenn wir dazu ein wenig über unseren Entstehungskontext reden. Handlungsgründe lassen sich – wie so oft, eher aus dem Kontext erklären – oder machen nur vor ihrem Kontext Sinn. Diese Form zu Denken haben zwar Feministinnen nicht neu erfunden – sie sind aber diejenigen die, vollkommen zu Recht – besonders stark damit arbeiten.
Im Zuge der G8 Mobilisierung in Heiligendamm 2007 kam uG aus dem Teil der antideutschen/ antinationalen Linken in der BRD, die sich im Zuge der so genannten Wiedervereinigung und des Zusammenbruches der Sowjetunion und DDR gegen den wieder offener auftretenden Nationalismus in der BRD zu wehren versuchte und verstehen wollte, was in der BRD eigentlich gerade passiert. Die Analysen und Begrifflichkeiten anderer Teile der Linken schienen dafür überwiegend unbrauchbar. Es lässt sich damit auch sagen, dass uG vor allem eine Abgrenzungsbewegung war [– und vielleicht an einigen Stellen auch noch ist?!] Das heißt: Schwerpunkt lag auf der Abarbeitung an anderen linken Strömungen, sowohl den Marxistisch-Leninistischen Strömungen (in all ihren Spielarten z.B. Maoismus , Trotzkismus) als auch dem „Feuer und Flamme für jeden Staat“ Antinationalismus „der“ Autonomen. Auch wenn wir uns gerade an neuen Zielgruppen probieren – Stichwort Blockupy, so ist doch umstritten, ob die Form und die Mittel die wir dazu nutzen die richtigen sind – und ob sie die gewünschte Wirkung erzielen.
Der strategische Gründungsmoment (G8) zeigte sich auch in dem 2009 erschienenen Buch „Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit“  mit dem die gesamte antiautoritäre und autoritäre Linke einer Kritik unterzogen werden sollte. Wichtig ist: Wir sind als uG Teil der antiautoritären Linken.
Antiautorität heißt: Wenn alle Formen von Herrschaft überwunden werden sollen, kann eine Revolution nur 1. Gegen den Staat und 2. als Einheit von Selbstveränderung und gesell. Veränderung stattfinden. Das heißt: So wie wir uns heute organisieren, so wird auch eine postkapitalistische Gesellschaft potenziell aussehen. 3. Denn: Es gibt einen Zusammenhang von Ziel und Form der Erreichung dessen.

7. Die Methode mit der wir Gesellschaft analysieren ist die marxsche Formanalyse. Formanalyse heißt:

„[…] eine Konzeption materialistischer Theorie zu entwickeln, die in der Lage ist, den Kapitalismus als eine historisch dynamische Form gesellschaftlicher Unfreiheit zu denken, welche nicht einfach mit einer ihrer historischen Entwicklungsstadien oder der Dominanz einer sozialen Klasse identifiziert werden kann. Eine kritische Theorie des Kapitalismus muss demnach den Gegensatz zwischen Struktur und Kontingenz überwinden und als eine Theorie der gesamten (post-)modernen Gesellschaft fungieren, anstatt entweder eine Reduktion auf determinierte, ökonomische Sachzwänge oder ergebnisoffene, politische Konflikte vorzunehmen. Mit anderen Worten: Es geht hier um eine »Theorie der historischen Konstitution bestimmter, verdinglichter Formen sozialer Objektivität und Subjektivität «

Mit anderen Worten: Wir versuchen eine Theorie zu entwickeln um Konfliktdynamiken in ihrer Grundlage zu analysieren – erst an zweiter Stelle, mit ihrem konkreten Verlauf. Verbildlicht:

„Durch welche objektiven Voraussetzungen sind die subjektiven Formen gerahmt?“
Übrigens ist das nicht mit dem Eindruck gleichzusetzen, dass wir mit unseren Formulierungen manchmal so wirken, als würden wir über den Verhältnissen stehen. Sondern wir versuchen mittels Reflexion unsere konkrete Involviertheit auf eine höhere Ebene zu bringen, was uns erst erkennen lässt, warum es kein Zufall ist, dass es anderen Menschen in diesen Verhältnissen ähnlich geht. Tatsächlich schleicht sich bei uns aber manchmal ein merkwürdig distanzierter Sprech ein: Wir reden in Texten häufig von „den Subjekten“, „den Menschen“ etc. – weniger aber von „uns Menschen“ oder „uns Subjekten“. Vermutlich auch als Folgen des Uni-Betriebs…

8. Formanalyse ist keine Ableitung (sieht aber manchmal sehr ähnlich aus!): Die Analyse kapitalistischer Strukturprinzipien ist noch keine Gesellschaftsanalyse. Gesellschaftliche Verhältnisse sind vorstrukturiert durch die gesellschaftliche Herrschaft des Kapitals– aber damit ist noch nicht alles letztendlich erklärt. Wie genau einzelne Phänomen aussehen, bedarf genauerer Analyse. In der Staatsbroschüre 2009 haben wir genau das gemacht: Wir haben gefragt: „Wie werden die Verhältnisse durch das Wertgesetz (Stichwort: „Konkurrenz“) gerahmt?“
In dem Teil war die konkrete Darstellungsform der: Versuch nachzuweisen inwiefern einzelne (politische) und gesellschaftliche Phänomene mit dem Kapitalismus zusammen hängen.
Das lief auch in Abgrenzung zum großen Teil der G8 Mobilisierung: Da war nämlich häufig die Rede von der Illegitimität der G8, vor dem Hintergrund formaldemokratischer Prinzipien. Wir wollten zeigen, dass dieser Umstand nicht das Problem ist, sondern konkreter Ausdruck der Verhältnisse, die wir abschaffen sollten.
Dieses Vorgehen und die damit verbundene Darstellungsform erweckte den Eindruck unsere Theorie wäre „Subjektlos“. „Subjektlos“ im Sinne von: Menschen sind nur Anhängsel der Verhältnisse. Richtig ist, dass es einen gesellschaftlichen Überhang von Handlungen gibt – aber konkrete Personen handeln. Die Betonung lag auf diesem Überhang, da es uns in der Linken zu häufig einseitig um Handlungsfähigkeit und Hegemonieverschiebung ging/ geht. Oder aber um falsche Taktiken wie die der Mler, denen auch keine Parole inhaltlich zu falsch ist- nur um Menschen in ihre Organisation zu locken, zu wachsen und damit – gemäß ihrer Theorie – angeblich der Revolution automatisch näher zu kommen.
Gesellschaftsanalyse kann immer nur rückwirkend – und nicht vorausschauend stattfinden. In der Staatsbroschüre war deshalb auch die Rede von der kapitalistischen (Re)Produktionsordnung als Ausgangspunkt der Analyse. Durch diesen hohen Abstraktionsgrad wurde uns vorgeworfen Subjekte nur als Anhängsel der Konkurrenz zu beschreiben und quasi die Akteure ‚unsichtbar‘ zu machen (zuletzt geschehen durch den Gegenstandpunk 1/20131). Da ist insofern etwas dran, als dass wir zwar sehr darauf beharren das es eine Systematik dieser Verhältnisse gibt – aber in diesen natürlich auch konkrete Akteure agieren. Es gibt solche Personen die die Sachzwänge umsetzen: (Kapitalist*innen) und solche die sie erleiden (müssen): Lohnabhängige. Der zentrale Punkt ist die Ausbeutung: Also die unter fremdgesetzten Bedingungen durchgesetzte Aneignung des Mehrproduktes der Lohnarbeit und die herrschaftsförmig organisierte Reproduktionsarbeit als Vorbedingung. Bei uns ist damit auch eine Agitationstaktik verbunden: Durch den Nachweis das die „Scheiße“ die uns passiert, kein individuelles Phänomen ist, sondern gesellschaftlich (=systemische) Ursachen hat, wollen wir Menschen überzeugen sich mit uns – oder sich selbst – zu organisieren um die Verhältnisse abzuschaffen.
Ein kurzer Nebeneinschub zu der Staatsbroschüre: In der Broschüre gab es eine ziemlich absurde Situation: Es konnte sich nicht geeinigt werden in welcher Form man „gendert“ – und damit blieb es bei der männlichen Form. Dies wurde vollkommen zu Recht, von vielen kritisiert.

9. Weil wir keine Ableitung betreiben – können wir auch gar keine Haupt- und Nebenwiderspruchstheorie vertreten! Dazu macht es wiederum Sinn, ein klein wenig auszuholen. Wir würden sagen: der Vorwurf, Haupt- und Nebenwiderspruchsdenken zu betreiben macht erst einmal nur an die Adresse der Anhänger*innen des Marxismus-Leninismus Sinn. Grundlage dafür ist die Erkenntnistheorie des ML und dem Verständnis einer universellen Entwicklungsdynamik die sich immer vom niedrig entwickelten zum höher entwickelten bewegt. Damit war auch das Verständnis eingeschlossen, dass sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung aufgeteilt in Produktions- und Reproduktionssphäre, im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus von alleine auflösen würde, da sich alle Tätigkeiten in Lohnarbeitsverhältnisse transformieren würden. Oder anders formuliert: Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wurde als Relikt vorbürgerlicher Verhältnisse gesehen die sich automatisch auflösen würde. Das dies nicht passiert und wohl auch nicht passieren wird, lässt sich so begründen: Aus der Konkurrenz selbst lässt sich die Erhaltung von konkreten Menschen nicht ableiten. Denn die Reproduktionsbedingungen werden durch die Verhältnisse untergraben – die Voraussetzung sind Einkommensumverteilung und Freistellung von Arbeitskräften (häufig Frauen) durch einen Sozialstaat, dieser ist notwendige Voraussetzung der Aufrechterhaltung der Herrschaft der Menschen über die Menschen.
Weil Geschlechterverhältnisse bei den MLern (und in der DDR) in diesem Punkt gleichgesetzt wurden als Frage, wer welche Arbeit macht und die Berufstätigkeit von Frauen lediglich als „Lösung der Frauenfrage“ thematisiert wurde, konnten die ganzen MLer auch behaupten das diese „Frauenfrage“ unnötig sei zu thematisieren und sich dieses Problem mit dem Sozialismus (der eh kommen wird) auflösen würde. Da sie Ableitungsmarxist*innen sind, interessierte sie abseits der Arbeitsteilung weitere Aspekte der Geschlechterverhältnisse, wie die psychische Zurichtung Bspw. nicht.
Wenn also aus der „Szene“ der Vorwurf an …umsGanze! kommt, wir würden eine Haupt- und Nebenwiderspruchs-Analyse betreiben, würden wir dem vehement, mit dem Verweis auf die oben genannte Erläuterung, zurückweisen. Trotz allem wäre zu sagen: Wenn jedoch ..umsGanze! vorgeworfen wird, das wir uns zu wenig um die Analyse der Geschlechterverhältnisse „kümmern“ würden, dann müssen wir das im Einzelnen prüfen. Konkret stimmt das nämlich durchaus. Auch wenn es zumindest in verschiedenen Publikationen zögerlich versucht wurde1. Um es noch einmal zu betonen: Es liegt ein Unterschied darin, zu sagen, dass wir die Analyse der Geschlechterverhältnisse vernachlässigen würden (was ja im übrigen gar nicht pauschal für uG stimmt), oder ob wir Haupt- und Nebenwiderspruchsanalyse betreiben. Unser Eindruck ist aber, dass diese beiden Dinge in der Debatte häufig zusammen geworfen werden.

10. Damit stellt sich natürlich auch die Frage wie das jetzt alles miteinander zusammenhängt. In der deutschsprachigen universitären Debatte ist seit etwa 10 Jahren die Rede von Intersektionalität. Also den Überschneidungen von Herrschaftsverhältnissen und Ideologien der Ungleichwertigkeit. Wir gehen davon aus, dass der Kapitalismus (=System der Ausbeutung) den gesellschaftlichen Rahmen stellt, für alle Dynamiken die in ihm passieren. Die Ausbeutung hat dabei zwei Seiten: Die Reproduktionsarbeit als die Vorbedingung für das Lohnsystem („Wer produziert unsere Überlebensbedingungen und Menschen?“) und die Lohnarbeit („Wer produziert den gesellschaftlichen Reichtum und welche Form hat dieser?“). Reproduktionsarbeit ist herrschaftförmig organisierte Arbeit – das ist unser Problem damit. Denn wir tun uns ja nicht im gesellschaftlichem Maßstab zusammen und überlegen welche Reproduktionsarbeit gemacht werden muss. Wir kritisieren den herrschaftsförmigen Charakter – nicht das sie in dieser Gesellschaft ungleich verteilt ist! Ähnliche Überlegungen wie wir, hat im Uni-Betrieb Gabriele Winker.
Weil es später noch einmal aufkommt: Unter Reproduktionsarbeit verstehen wir alle Arbeiten die das materielle und psychische Überleben in dieser Gesellschaft sichern. Care-Arbeit ist die inhaltiche Seite dieser Arbeit in der der Beziehungsaspekt eine wichtige Funktion einnimmt.

Die besondere Betonung in uG-Publikationen liegt häufig auf der Konkurrenz – um deutlich zu machen welche Rolle die gesellschaftlichen Widersprüche in unserem Alltag besitzen – und es kein Bereich gibt, der frei von der Totalität der Verhältnisse ist. Dies ist zwar richtig – angewendet auf die konkreten Lebensverhältnisse aber auch nur die halbe Wahrheit. Real existieren unter den Bedingungen der Konkurrenz zumindest auch immer ihre Kehrseite: Das Bedürfnis nach Solidarität – das auch konkret ausgeübt wird. Diese Formen sind zu Anteilen Ideologie, zu Anteilen aber auch real. Diese Formen können reaktionär sein:(Bsp.: bürgerliche Kleinfamilie, oder andere Formen ‚kollektiver Identität‘) oder fortschrittlich (Linke tun sich zusammen zum Zweck der Revo. und tun dies in Form und Inhalt herrschaftskritisch).
Wichtig ist: Die Skizzierung der Strukturprinzipien heißt noch nicht die konkreten Erscheinungsformen und konkrete Ausgestaltung/ Dynamiken zu kennen. Dazu brauchen wir immer konkrete Empirie – heißt auch, dass wir nicht immer die alten Schablonen anlegen können – ungeachtet dessen, dass wir mit Einem seit Beginn des Kapitalismus immer zu kämpfen haben: Dem Wertgesetz! Das ist das Problem. Denn bei allen Veränderungen ist bisher eines gleich geblieben: Der Kapitalismus – und das Patriarchat als grundlegende Herrschaftsverhältnisse. (Konkret wird das im Abschnitt zum Akademikerball beschrieben)

Abschnitt II: Wie können wir damit die Geschlechterverhältnisse begreifen?

11. Wenn wir nun zeigen wie wir das Thema Geschlechterverhältnisse in unserer Analyse fassen können, müssen wir vorher den Geltungsbereich einschränken: Das Problem ist, dass wir erstmal vor allem Aussagen über die konkrete empirische Lage in den kapitalistischen Zentren sagen können: Nordamerika, Westeuropa, Japan etc. Und: wir können heute auch nicht auf alle Debatten in feministischer Theorie eingehen. Bestimmte Aspekte wie die Kontroverse zwischen Queer- und Differenzfeminismus, als inhaltliche Fragen, die strategische Konsequenzen haben, sind heute für uns kein Thema. Wir finden diese Themen zwar wichtig, können aber nicht alles behandeln. Das würden wir an anderer Stelle aber gerne mal machen.
Wichtig ist auch noch: zu Beginn wurde das Patriarchat als EINE Spaltungslinie thematisiert, die verhindert, dass wir uns miteinander zusammen tun um diese Verhältnisse abzuschaffen. Dies ist zwar richtig: Konkret, in der Regel sind es jedoch die Genossen die sich weigern sich mit dem Thema auseinander zu setzen (Siehe oben: Ohnmacht, Wut, Endlichkeit, Autonomie und Abhängigkeit etc.). Heißt: Es gibt verschiedene Positionen im Geschlechterverhältnis mit unterschiedlichen Machtpositionen.

12. Also, wenn wir Formanalyse betreiben, heißt es zu Fragen: inwiefern kommt das Geschlechterverhältnis zu Stande? Wichtig ist hier: Wir können das Zustande kommen der aktuellen Geschlechterverhältnisse nur rekonstruieren – quasi vom Ergebnis her in die Vergangenheit schauen. Die Entwicklung ist deshalb nur insofern ‚logisch‘, als das wir schauen können wie es zu Stande kam. Nicht im Sinne von: Es hätte nur so und nicht anders kommen können.
Die Ausgangslage von Formanalyse bildet die Analyse der Art und Weise wie wir in dieser Gesellschaft Reichtum produzieren. Oder noch allgemeiner gefasst: Wir schauen ausgehend von den Produktionsverhältnissen darauf, wie sich unser Alltag strukturiert und für Auswirkungen hat. Ideologien sind aus der gesellschaftlichen Praxis entstehenden Gedankenformen, die den Status Quo sichern. Sie sind nicht bewusste Manipulation von Herrschenden, sondern Teil-Abbilder der gesellschaftlichen Realität die in einen falschen Zusammenhang gestellt werden.

Also, zur Entstehung des Kapitalismus – und damit der Entstehung des Privateigentums an Produktionsmitteln –  folgte eine logische Entsprechung der Trennung in privates und öffentliches Eigentum. Dieser entspricht ebenso die Trennung von Produktion und Reproduktion, öffentliche Sphäre und private Sphäre usw. Durch die bereits vorher existente patriarchale Strukturierung bildete sich so anhand der Trennung von Öffentlich und Privat eine geschlechtliche Zuweisung. Oder anders: Die bereits vorgefundene patriarchale Konstellation transformierte sich vermittelt über die Arbeitsteilung (und Machtkonstellation!) in eine geschlechtliche Zuweisung gesellschaftlicher Bereiche.
Diese Entwicklungen finden ihre Entsprechung in gesellschaftlichen Ideologien (Kennt ihr alle: „Frauen und Männer sind biologisch so und so und müssen deshalb das und das machen, bla, bla, bla!“) Diese praktischen Auswirkungen der Arbeitsteilung und ihrer ideologischen Bearbeitung formt(e) konkrete Menschen mit konkreten psychischen Verhaltensweisen. Wie alle Formen gesellschaftlicher Ideologien werden diese zur „zweiten Natur“ (Marx) oder wie wir heute sagen würden: „essentialisiert/ biologisiert“. Frauen waren in der Entwicklung der doppelt freien Lohnarbeiter (Frei von Produktionsmitteln und frei von persönlicher Herrschaft) als nicht frei von persönlicher Herrschaft („family“!) und auch nicht als vollwertige Rechtssubjekte. Auch Sklaven (Männer und Frauen) waren alles andere als frei. Der Geltungsbereich der von Marx beschriebenen Entwicklung, ist somit historisch nur auf weiße Männer beschränkt. Frauen und People of Color mussten sich diesen Status erst erkämpfen. Hier lässt sich auch erkennen wie es unter anderem eine aktive Bekämpfung aus der Arbeiter(!)bewegung seitens Emanzipationsbestrebungen von Genossinnen gab.
Man muss dem Marx jedoch zu Gute halten, dass ihm klar war, dass er den Kapitalismus in seinem idealen Durchschnitt darstellen wollte – er aber auch wusste, dass konkret, selbstverständlich unterschiedliche Gesellschaftskonstellationen auch unterschiedliche Erscheinungsformen besitzen.
[Ausführlich in nächster These]

Wichtig ist auch noch: alle gesellschaftlichen Entwicklungen brechen sich an den Klassenverhältnissen. Heißt: Die Spaltung in bürgerliche Hausfrauen und proletarische Lebensrealität der Doppelbelastung war immer eine klassenabhängige Frage. Und diese klassenabhängige Aufteilung war ebenfalls noch einmal anhand der Spaltungslinie des Rassismus getrennt (entrechtete Haushaltsmädchen bspw.) Bzw. ist es immer noch. Dies ist die materielle Basis.
Die Ebene der Ideologie gibt es natürlich auch noch. Im Prozess der Entwicklung der eben beschriebenen Arbeitsteilung müssen/mussten wir auf bestimmte Triebe (Bedürfnisstrukturen!) verzichten um im Prozess der so genannten Zivilisation auch überlebensfähig zu werden und bestimmte Anteile abspalten. Für Männer lief das historisch so, dass alle nicht für den Kapitalismus funktionalen Anteile auf Frauen projiziert werden bzw. ihnen zugeschrieben wird. Dazu gehörten beispielsweise Dinge wie Empathie, Pflege, Irrationalität, und Ohnmachtsgefühle-zulassen-können.Kurz um, alle Fähigkeiten die mit Weiblichkeit identifiziert werden/ wurden: Alles was wir heute sozusagen noch als klassisch weibliche Fähigkeiten kennen. Und mit deren Projektionen sich unsere Genossinnen noch heute rumschlagen müssen – da die Genossen das im Laufe ihrer Sozialisation (Arbeitsteilung!) nur schwer lernen oder sich weigern damit zu beschäftigen.
Neben dem mittlerweile erlangten Rechtssubjektstatus ist an der Abspaltung dieser Gefühle und Fähigkeiten heutzutage allerdings immer noch eine Ganze Menge dran – und leider Ausdruck patriarchaler Realität (wie oben in der Family-Geschichte angerissen). Dies drückt sich beispielsweise darin aus, dass Genossinnen häufig genervt sind wenn sie zum 50. Mal Genossen erklären sollen warum eine bestimmte Handlung jetzt sexistisch war oder eine Position lediglich eine ‚männliche Perspektive‘ darstellt. (Erläuterung ‚männliche Perspektive‘ im Abschnitt zum Aufruf)

13. Als Menschen sind wir Produkte von Arbeit. Mit Arbeit meinen wir: die Auseinandersetzung und Bearbeitung der äußeren mit der inneren Natur. Als solche, bildet sich unsere Stellung im Produktionsprozess auch in unserer Psyche ab. Wichtig ist hier zu sagen: Die vorher erwähnten Erfordernisse der bürgerlichen Konkurrenzsubjekte äußern sich als Strukturprinzipien dieser Gesellschaftsformation. Sie sind auf konkrete Menschen angewiesen – gehen aber nicht notwendigerweise in ihnen auf.
Grundsätzlich zu sagen ist deshalb: Wenn wir von Männlichkeit und Weiblichkeit reden dann beschreiben wir Strukturprinzipien. Das heißt: es gibt gesellschaftliche Strukturprinzipien die mit Männlichkeit und Weiblichkeit ‚identifiziert‘ werden. Das bedeutet aber nicht notwendigerweise, das alle empirischen Männer und Frauen ’so sind‘ (Siehe Abspaltung im vorherigen Abschnitt). Hier zeigt sich erneut das Auseinanderfallen von Strukturprinzip und Erscheinungsform. Prinzipien wie Konkurrenz, Durchsetzungsfähigkeit, Autonomie, sind die Notwendigkeiten bürgerlicher Konkurrenzsubjekte sich als Pivateigentümer*innen aufeinander beziehen zu können. Notwendig ist also das „Private“ und das „Eigentum“ als Begriffspaar. Die Unterscheidung von Strukturprinzip und Erscheinungsform stellt uns allerdings auch vor praktische Probleme: „Wie benenne ich die gesellschaftliche Realität?“ Denn historisch fällt die Herrschaft von (empirischen) Männern über (empirische) Frauen zusammen. Dies zeigt sich beispielsweise in der noch immer aktuellen Kontrolle von Generativität (Geburtenkontrolle bspw.) und der Abspaltung aller, als nicht konkurrenzförderlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten markierten Dinge.

Was wir am Anfang „weibliche“ und „männliche Position“ nannten, ist damit die empirische Zuweisung dieser Verhaltensweisen an konkrete Menschen. Das heißt aber noch lange nicht das alle Menschen die in diese Position sollen, dies auch so tun. Streng genommen lässt sich damit auch sagen, dass es zumindest theoretisch eine Möglichkeit gibt sich gegen diese Positioierung und der „Zuweisung“ von Aufgaben im Prozeß der Arbeitsteilung zu widersetzen. Wenn auch unter anderen theoretischen Vorzeichen, wird das in der linken Debatte auch als Einteilung in Cis-Männer und Cis-Frauen beschrieben. In dem Zusammenhang werden Cis-Menschen als diejenigen gefasst, die sich mit ihrem so genannten biologischen Geschlecht identifizieren. „Identifizieren“ ist ein wenig missverständlich, weil es suggeriert, dass dieser Prozess bewusst geschieht. Dieser bewusste Anteil ist aber nur der geringste Teil.

Auf der analytischen Ebene zeigt sich auch der Vorteil des Bezuges auf das Konzept der „Intersektionalität“. Denn, bezogen auf die konkrete Lebensrealität in dieser Gesellschaft, ist es unter Umständen für Einzelne noch wichtig das Thema Rassismuserfahrungen mitzudenken, die Klassenzugehörigkeit und auch die individuelle unterschiedliche Verortung (Bsp: Transgender/ Intersexuelle Menschen).
Also: „Wie kritisiere und benenne ich Strukturprinzipien (Männlichkeit/ Weiblichkeit) die nicht an allen Stellen mit den empirischen Männern und Frauen zusammen fallen?“ Dieser Umstand erfordert immer wieder zu prüfen was wir genau benennen wollen, wie wir Sachen bekämpfen wollen und wen wir adressieren. Dies lässt sich nicht abstrakt lösen – nur konkret, angewendet auf konkrete Bereiche.

14. Was wir in der linken Debatte als konstruierte Geschlechter kennen, ist tatsächlich eine Konstruktion insofern, als dass alle Verhältnisse von Menschen gemacht werden und durch diese immer in Bewegung sind – und potenziell auch emanzipatorisch überwunden werden können. Die Schwierigkeit dort heraus zu kommen, liegt an der Arbeitsteilung dieser Verhältnisse und unserer ‚Prägung‘ darin. In der Staatsbroschüre sprachen wir davon, dass „Ideologien kollektiver Identitäten“ (in der Broschüre: ‚Rasse‘, Kultur, Geschlecht und Religion) die gesellschaftlichen Widersprüche durch die Existenz des Privateigentums an Produktionsmitteln glätten bzw. in ein prozessierbare ,für uns Menschen ‚aushaltbare‘ oder verarbeitbare Form bringen. (psychisch und materiell). Wie wir bereits vorher erwähnten: die spezifische geschlechtliche Zuweisung fiel dabei natürlich nicht vom Himmel, sondern das bereits vorher existierende Patriarchat war die Ausgangsbedingung dafür. Wenn man so will, könnte man auch heute von einem spezifisch kapitalistischen Patriarchat sprechen – das eben in anderer Form bereits voher existiert hat.
In diesem Zusammenhang können wir die Vergeschlechtlichung von Menschen als soziale Form (‚konstruierte Geschlechter‘) der ideologischen und materiellen Widerspruchsbereinigung (das es zwei Geschlechter gibt, ist aufgrund der kapitalistischen Arbeitsteilung ‚funktional‘) begreifen. „Bereinigung“ heißt in diesem Zusammenhang nicht, dass diese eindeutig und starr sind. Sondern immer brüchig und „im Fluss“. Diese Tatsache führt auch dazu, dass es linke Strömungen gibt die versuchen an dieser Schnittstelle eine Bedeutungsverschiebung durch so genannte Subversion (dem Versuch, diese zu unterlaufen) eine gesellschaftliche Veränderung zu erreichen. Was auch seine begrenzte Wirksamkeit und Berechtigung hat – dieser sind eben nur Grenzen durch die Produktionsverhältnisse, sprich: die Arbeitsteilung, gesetzt. Und die materiellen und psychischen Ressourcen, eine Veränderung auf der „kulturellen Ebene“ zu versuchen, ist tendenziell ein Klassenprivileg von Mittelschichts-Kindern.
Das wir hier auf dem Podium und in unserer Organisierung versuchen auf bestimmte Umgangsformen zu achten und zu schauen, dass wir so genannte klassische Stereotype unterlaufen, ist jedoch auch ein zaghafter Versuch sich dieser Strategie zu bedienen. In der Regel wird das in linken Zusammenhängen auch „Reflexion der eigenen Verhaltensweisen“ genannt. Das ist insofern auch das „doing“ im „doing gender“- Wenn gleich unter anderen theoretischen Vorzeichen.

Die Verkürzung in der Staatbroschüre lag darin, Geschlechtlichkeit primär als ideologisches Phänomen – und zu wenig als gesellschaftliches Verhältnis, basierend auf materiellen Verhältnissen zu thematisieren (zumindest gibt es an verschiedenen Stellen darüber unscharfe Aussagen). Da ein Geschlecht-“Sein“, so gesehen eine ideologische Form (mit materieller Basis!) ist, besteht – wie bei anderen Ideologien auch – immer eine Brüchigkeit. Diese ‚Prekarität‘ stellt die Geschlechter sozusagen unter „Wiederholungszwang“. Geschlechtlichkeit wird ständig ‚reproduziert‘.
Die Frage ist: wie sehr kommen wir da raus in diesen Verhältnissen? Gerade an dieser Stelle zeigt sich auch die aktuelle Verfasstheit der neoliberalen Verhältnisse. Einerseits ist es wichtig in unserer Organisierung darauf zu achten wie wir miteinander umgehen und auch inwiefern wir bestimmte Verhaltensweisen reproduzieren und gleichzeitig müssen wir aber auch den Moment des Scheiterns mit einkalkulieren. Denn: Auch wenn wir noch so gerne wollen, wir können nicht herrschaftsfrei miteinander umgehen. Auch wenn es selbstverständlich Momente gibt in denen es am wenigsten herrschaftsvoll ist. Und diese Momente fühlen sich dann real auch ziemlich gut an.

Erfahrungsgemäß ist genau dies aber auch ein großes Problem in diesen Verhältnissen – auch mal Trauern können um die eigene Unzulänglichkeit. Gerade vor dem Hintergrund der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus und der moralischen Aufgeladenheit von vielen linken Themen im deutschsprachigen Raum; Stichwort: „Nie wieder!“, ist es schwierig mit diesem Scheitern umzugehen. Und: Auch, weil hier dieses Scheitern gleichzeitig ausgelegt werden kann als Ausrede es gar nicht erst versuchen zu wollen – was nicht die Intention dieses Satzes ist!
Und hier zeigt sich ganz deutlich wieder, dass die Eindrücke die Einzelne hier im Raum mit …ums Ganze! gemacht haben, mit Sicherheit starke Auswirkungen darauf haben ob der Hinweis auf das Scheitern wohlwollend aufgenommen wird – oder als Ausrede sich mit Umgangsformen gar nicht beschäftigen zu wollen.

15. Vom Standpunkt der „kapitalistischen Reproduktionsordnung“ aus gesehen, fallen alle Subjekte die sich ausserhalb der Heterosexuellen-Zweigeschlechtlichkeit befinden, aus dem ‚denkbaren‘ Raster. Die Vorstellung besagt damit eben, dass es Heterosexuelle Frauen und Männer gibt – alles andere ist ‚irgendwie krank‘, oder ‚unnatürlich‘. Manche Theorien gehen auch soweit, dass Menschen die damit ‚anders‘ sind, der Subjektstatus abgesprochen wird. Das sich Linke mit dieser Frage überhaupt beschäftigen und diesen Umstand kritisieren, ist analytisch ein wichtiger Punkt – und ein Fortschritt in der Debatte. Eine ganz andere Frage ist jedoch, wie wir damit in der konkreten politischen Praxis umgehen sollen?!

16. Psychische Zurichtung der Subjekte analog gesellschaftlicher Sphärentrennung
Die Ideologien der Geschlechter, die sich tendenziell in tradierten psychischen Verhaltensweisen der Subjekte zeigen (Männlichkeit als Aktiv/ starl, Weiblichkeit als Passiv/schwach), stellen einen Harmonisierungsversuch der bürgerlichen Vorstellung vom autonomen Subjekt als rationales Marktsubjekt dar. Wenn es also nicht die Weiblichkeit- u.a. identifiziert mit den Care-Aspekten geben würde, könnte es Männlichkeit in ihrer empirischen Form, den Männern, die sich mit ihrer eigenen Psyche tendenziell nicht beschäftigen und sich im Konkurrenz-Betrieb in ihrer spezifischen Form kaputt machen – nicht geben. Bis hin zur psychischen und physischen Vernichtung. Auch hier wieder: Das schließt nicht aus, dass Frauen sich nicht auch so zu Grunde richten können!
An dieser Stelle wäre es passend gewesen über sexualisierte/ sexuelle Gewalt zu reden. Wir haben uns jedoch dagegen entschieden, da a) ein paar Sätze nebenbei dem Thema nicht angemessen wären und b) dies auch in der Herstellung der Atmosphäre im Vorfeld hätte berücksichtigt werden müssen. Eine Veranstaltung zu dem Thema macht man halt nicht „einfach so“.

Abschnitt III: Wie haben wir die Analyse der Geschlechterverhältnisse im Aufruf zum Akademiker Ball versucht umzusetzen?

In den vorherigen beiden Abschnitten haben wir versucht zu zeigen, dass wir als –-ums Ganze! Formanalyse der kapitalistischen Reproduktionsordnung betreiben. Als solche haben wir eine Analyse die gewissermaßen versucht über den Verhältnissen, auf die Verhältnisse zu schauen um konkrete Strategien und Taktiken in den Verhältnissen- für die politische Praxis zu entwickeln. Wir erwähnten auch, dass wir als Teil der antiautoritären Linken eine Einheit von Selbstveränderung und gesellschaftlicher Veränderung anstreben und wir behaupten das kommunistische Verhältnisse nur dann potenziell (!) herrschaftsfrei sein können, wenn wir heute schon an morgen denken und die Weichen darauf stellen.

17. Um zum Aufruf zurück zu kommen: Es gibt drei Abschnitte die sich explizit mit dem Thema Geschlechterverhältnisse befassen:

  • a)Männlichkeit as usual
  • b)Die unheimliche Rückkehr des kleinen Glücks
  • c)Bürgerlichkeit als Privileg

Unsere Methode zeigt sich hier wieder deutlich: Wie funktionieren die gesellschaftlichen Verhältnisse? (alle gesellschaftlichen Entwicklungen sind vom Wertgesetz überformt – sprich, eine Entwicklung lässt sich analysieren und dabei dann hinterher feststellen inwiefern dies mit Kapitalinteressen zusammenfällt – vorher lässt sich das nicht ‚ableiten‘). Es lässt sich jedoch sagen, DASS diese Entwicklungen überformt sind – wie GENAU die Erscheinungsformen jedoch aussehen – muss an der Empirie (= Realität) geprüft werden. Dies erlaubt es uns gleichzeitig analytisch die kapitalistische Formation zu fassen und ihre Dynamik als potenziell offene zu thematisieren. Dies demonstriert auch nochmal den Unterschied zur Ableitung. In gewisser Weise haben wir damit nämlich eine erkenntniskritische Position. Denn als Ableitung ließe sich eher sagen, der Stand der Produktivkräfte ist bspw. so und so und es ist doch logisch das „der Arbeiter“ so und so denkt – dem ist aber nicht so! Denn es gibt eine relative Autonomie des gesellschaftlichen Bewusstseins! Das haben wir alles nicht neu erfunden – nur in eine Form gebracht, die für die radikale Linke die auch gleichzeitig „Bewegungslinke“ ist, ungewohnt ist. Der Eindruck, dass wir Ableitung betreiben würden, macht historisch auch vor dem Hintergrund der globalen Dominanz des dogmatischen Traditionsmarxismus des ML und der Sowjetunion und ihrer verlängerten Armen in der zweiten und dritten Internationalen, durchaus Sinn. Nur, wie vorhin erwähnt: UG ist Teil einer Abgrenzungsbewegung. Die analytischen Nuancen lassen sich manchmal nur mit dem Wissen um diese Debatten wirklich eindeutig erkennen. Das ist offensichtlich auch eine ziemlich aufwendige Sache und nicht immer so einfach. Wir bekommen nämlich als uG manchmal Kritik ab, wo wir dann hinterher denken: „Hä? Wie kommt ihr denn darauf uns das vorzuwerfen?“

18. Eine Schwierigkeit fiel uns bei der Diskussion auf dem Gruppentreffen auf: Die Schwierigkeit über die Geschlechterverhältnisse zu sprechen, ihren patriarchalen Charakter zu kritisieren ohne aber die Handlungsfähigkeit und Widerstandsformen von FrauenLesbenTrans* unsichtbar zu machen. In einer früheren Version des Aufrufes kam eine Kritik bei uns auf: Dort wurde aus einer männlichen Perspektive das Patriarchat kritisiert. Männliche Perspektive bedeutete in diesem Zusammenhang, dass vom Standpunkt von Männern zwar kritisiert wurde wie im Burschenschafter-Milieu Frauen als Beiwerk und Objekte behandelt werden. Nur: Aus welchen Gründen FrauenLesbenTrans* da nicht mitmachen und welche Widerstandsformen bestehen, war überhaupt nicht Thema.
Die Schwierigkeit mit diesem Umstand umzugehen, liegt erst einmal im Gegenstand selbst begründet. Ohne dieses Dilemma grundsätzlich auflösen zu können, hoffen wir, wenigstens eine passable Variante für diesen Aufruf gefunden zu haben. Dies ist ein gutes Beispiel für die Alltagsschwierigkeiten politischer Praxis. Hier zeigt sich auch, wie wichtig die eigene Organisierungsform als Ort für das Zweifeln und In-frage-stellen der eigenen Inhalte und Formen ist.

19. Im Aufruf zum Wiener Akademikerball lassen sich typische …ums Ganze! Elemente wieder finden. Einerseits die Skizzierung der systemischen Notwendigkeiten, der so genannte kapitalistische Normalvollzug, mit ihrer Basis der Ausbeutung, die bereits grundsätzlich „scheiße“ ist (auch wenn das ein bisschen sehr kurz vorkommt). Und auf der anderen Seite der Skizzierung, wie es eigentlich gerade empirisch ausschaut. Auffällig ist jedoch (Stichwort Vogelsperspektive), dass auch hier vor allem von „den Menschen“ die Rede ist. Und nicht unbedingt von „uns Menschen“ die unter den Zwängen der Verhältnisse leiden und auch Subjekte der Befreiung sind – auch wenn wir innerhalb dieser Gesellschaftsformation noch weitere Spaltungslinien und Machtpositionen inne haben. Das sind jetzt eher kleine Dinge über die wir nicht komplett glücklich sind, nur scheint sich hier die Sprache von Mittelschichtsakademiker*innen, die zu aller erst andere aufklären wollen, zu zeigen. Der Versuch die eigene Analyse zu verbreiten und Werbung für den Kommunismus zu machen ist natürlich eine Voraussetzung linker Politik: die Agitation. Andererseits wissen linke Zusammenhänge häufig auch nicht mehr, als Agitation zu betreiben. Das gilt auch für …ums Ganze!

Und weil wir bei uG größtenteils Antifas sind, haben wir häufig nur bestimmte Formen in unserem Repertoire: Eine bunte oder black block Demo und vielleicht ein paar brennende Mülltonnen oder das nächste Bündnistreffen mit einer Veranstaltungsreihe. Die Genoss*innen von der Redical M nannten das vor ein paar Jahren mal „Proto-Praxis“. Wofür sie zwar einiges an Kritik bekamen – jedoch einen Kernpunkt treffen: Inwiefern sind wir eigentlich Teil von Befreiung, und, wie machen wir das?
An dieser Stelle zeigen sich die guten Anteile von uG und auch die Grenzen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wir finden diese Formen richtig und wichtig. Sich darüber zu verständigen wie die Welt funktioniert, ist essentiell. Nur, auch die Frage welche Praxisformen die Verhältnisse überwinden können, gehört zu linker Organisierung dazu. – Aber das ist noch einmal eine anderer Frage (Hinweis aus Klassenkampf-Va in Göttingen)

20. Zu den konkreten Textstellen:
Der Inhalt von a)Männlichkeit as usual, zeigt auch hier wieder das historische In-eins-fallen von Männlichkeit in der Idealvorstellung eines bürgerlichen Konkurrenzsubjektes. Als autonom, vollständig rational handelndes Subjekt das im harten Konkurrenzkampf die Ehre und Nation und die family in der öffentlichen Sphäre verteidigt. Und gleichzeitig im heimeligen Privaten den Rückzugsort bei Frauen sucht, die die eigenen Wunden des Kampfes pflegen. Weil Ideologien immer auch gebrochene Realität darstellen und nie so eindeutig sind, zeigt sich, wie auch die Dynamik der Produktionsverhältnisse selbst den rechten Eliten ein gebrochenes Bild aufzwingen. Denn, auch wenn Frauen einerseits die zierlichen Menschen mit möglichst vielen Kindern sein sollen – so gibt es auch Frauen die sich selbst in eliteförmigen Organisationen organisieren. Hier zeigt sich auch wie sehr die Dynamik der Produktionsverhältnisse in ihrer Dialektik immer beides Hervorbringen können: Autonomie und Abhängigkeit, Widerstand und Anpassung zugleich. Was eben sowohl Vorteile als auch Nachteile für einzelne Personen hat. Es waren jedoch erst Feministinnen die auf die Dialektik im Geschlechterverhältnis unter patriarchalen Verhältnissen hinweisen mussten! Und: Ohne Genossinnen die in feministischen Zusammenhängen aktiv waren – wäre es zu diesen Veränderungen nicht gekommen. Auch wenn leider das Wertgesetz dabei nicht abgeschafft wurde.
Somit bleibt das Verbindende im Kapitalismus: die Zurichtung auf die Konkurrenz – in ihren je historisch-spezifischen Erscheinungsformen – die immer wieder Veränderungen unterworfen sind.

21. Im Abschnitt b) Die unheimliche Rückkehr des kleinen Glücks, zeigt sich auf der einen Seite der partielle normative Fortschritt der seit den letzten hundert Jahren – und speziell seit den 1970er Jahren in Punkto Gleichstellung vor dem Gesetz errungen wurde. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch inwieweit dies im Zuge von ökonomischen Sachzwängen aber auch schnell wieder genommen werden kann, auf der anderen Seite.
Es gibt deshalb zwei gleichzeitige Phänomene – wie bei allen gesellschaftlichen Entwicklungen – auch hier wieder auf der Achse der Klassenlage unterschiedlich angeordnet. Es gibt (wenige) Karrierefrauen die es an die gesellschaftliche Spitze geschafft haben Einerseits, und eine Dethematisierung von Geschlecht und einer sich real wieder verstärkenden Doppelbelastung von Frauen im Zuge des Abbaus sozialstaatlicher Leistungen („Privatisierung“) – bei gleichzeitiger Anforderung an alle Haushalte, voll berufstätig zu sein, andererseits. (Vielleicht kennt ihr diese Momente aus den Zeitungen und Fernsehen?!: „Wir sind ja alle Frei und alle Ungleichheiten sind überwunden, bla, bla, bla“ – als Ideologie)

In der akademischen Geschlechterforschung wird das „Wandel und Persistenz in den Geschlechterverhältnissen“ genannt. Es gibt also einerseits Veränderungen – die jedoch immer ihre Kehrseite haben. Im letzten Jahr wurde und wird, das in linken Zusammenhängen mit der Beschreibung von Erscheinungsformen, als „Krise der sozialen Reproduktion“ bezeichnet: Als Zuspitzung der gesellschaftlichen Widersprüche. Mit anderen Worten: Die Reproduktion von uns Menschen ist von diesem Standpunkt aus immer Krisenhaft – vom Standpunkt des Kapitals funktionierte das bisher aber relativ gut (Natürlich mit Schwankungen je nach Klassenlage und mit großen Unterschieden in den einzelnen Erdteilen dieser Welt).
Vom Standpunkt der kapitalistischen Zentren sieht das jedoch mittlerweile anders aus. Im Reproduktions-, und Care-Bereich machen gerade viele Menschen die deutliche Erfahrung vom Auseinanderklaffen zwischen Ideologie des Gesundheitssystems („Solidarprinzip“) im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten – und der realen Verfasstheit in diesem Bereich (Überforderte Kolleg*innen, schlechte Pflege, teure Behandlung). Wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen scheint uns genau dieser Zustand ein guter Ansatzpunkt für ein linke Intervention, und der Auseinandersetzung mit vielen nicht-Linken – die aber dieselbe Erfahrung teilen.
(Die Redical und wir als BA sind deshalb auch in der Vorbereitung zu der Aktionskonferenz „Care Revolution“ im März 2014 in Kooperation mit dem AK Reproduktion beim Feministischen Institut Hamburg/ RLS Berlin).

22. Im Abschnitt c) Bürgerlichkeit als Privileg, geht es um die oben erwähnte „Verschränkung“ von Klassenlage, Geschlechterverhältnissen und Rassismus – als transnational organisiertes Care-Regime. Auf den Schultern – wieder vor allem von Frauen – wird die Masse an Care-Arbeit, die vom Standpunkt des Kapitals aus eigentlich unprofitabel ist, u.a. von illegalisierten Frauen übernommen.
Die Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft, die bürgerliche Kleinfamilie – die unter anderem auch als Reproduktionsgemeinschaft großen gesellschaftlichen Stellenwert genießt, erfährt eine erneute Welle der Beliebtheit. Im Aufruf sagen wir, dass die weiße bürgerliche Mittelschichts-hölle (wieder) eine riesige ideologische Rechtfertigung erfährt und sich auch in Umfragen unter Jugendlichen und Erwachsenen größter Beliebtheit erfreut. Und das durchaus Milieu-übergreifend: In konservativen Milieus ebenso wie in den so genannten grün-alternativen Milieus – übrigens schließt das auch nicht aus, dass es gleichzeitig auch eine nicht kleine „Szene“ für polyamoröuse Liebschaften gibt. Auch hier zeigt sich Fortschritt und Affirmation zugleich. Sich mit den Widersprüchlichkeiten dieser Entwicklungen und dem Ausloten von Möglichkeiten und Grenzen zu beschäftigen macht für uns vor dem Hintergrund Sinn, dass für uns revolutionstheoretisch wichtig ist, wie wir bereits Keimformen der neuen Gesellschaft entwickeln können – bei aller Begrenzung.

Ein Problem ist dabei jedoch auch: Je beschissener die Verhältnisse werden und je offener die Brutalität dieser Verhältnisse „an die Oberfläche“ gerät, desto beschissener gehen auch alle Menschen miteinander um – dies drückt sich in sehr verschiedenen Bereichen aus. Im privaten Bereich in verstärkter, so genannter häuslicher Gewalt. In politischen Zusammenhängen beispielsweise in der Aggressivität von Auseinandersetzungen und der Schwierigkeit sich miteinander zu verständigen, um politisch aktiv zu werden.

Abschluss

23. Wir hoffen euch ein wenig vermittelt haben zu können mit welcher Methode wir Gesellschaftsanalyse betreiben und wie wir die Geschlechterverhältnisse – zumindest in Teilen, begreifen können und wie wir das in der Staatsbroschüre und der Mobi zum WKR-Ball, als gemischt-geschlechtliches Bündnis, gemacht haben.
Dies skizzierten wir anhand unserer Herangehensweise und auch der strategischen Entwicklung unserer Theorie. Um gleich besser darüber ins Gespräch zu kommen – schließlich haben wir nun viel geredet, nochmal kurz die Punkte zusammengefasst.
Wir haben behauptet, dass alle gesellschaftlichen Entwicklungen, Herrschaftsverhältnisse und Ideologien vom Wertgesetz überformt sind. Vermittelt über die Arbeitsteilung und der bürgerlichen Kleinfamilie hält sich das Geschlechterverhältnis relativ konstant und damit auch die patriarchale Strukturierung dieser Verhältnisse. Die Kritik der Geschlechterverhältnisse – vor allem für gemischt-geschlechtliche Gruppen, stellt sich unter anderem deshalb als schwer dar, weil der Versuch der Darstellung der patriarchalen Verfasstheit auch dazu führen kann die Widerstandsformen von FrauenLesbenTrans* unsichtbar zu machen. Das dies in allen linken Zusammenhängen immer mal wieder vorkommt, ist den Verhältnissen in denen wir Leben, geschuldet – dies entlastet aber Einzelne nicht von ihrem Verhalten: und die Abwehr des Themas fällt häufig mit empirischen Männern zusammen.

Wir hoffen durch die Darstellungsform und die Kontextualisierung unserer Analyse zumindest soweit einen Verständigungsraum hergestellt zu haben, dass wir miteinander so ins Gespräch kommen und die Argumente die wir haben – aber auch die Zweifel und unterschiedlichen Umgangsformen, Lust machen auf mehr – und zwar auf Auseinandersetzung mit den Inhalten von ums Ganze! – Für euch und für die Auseinandersetzung der Genoss*innen bei uG mit dem Themenfeld Geschlechterverhältnisse/ Feminismus. Wir freuen uns auf die Diskussion mit euch!

Und weil man die kommunistische Bewegung auch organisieren muss, versuchen wir unsere Analyse auch in Wien praktisch zu machen und gemeinsam den Wiener-Akademikerball unmöglich zu machen. Fahrt deshalb mit uns nach Wien und spuckt dem Treffen der europäischen Rechten in die Suppe! Die Genossin aus Wien wird dazu noch die aktuellsten Infos darstellen.

Quellen, Zitate und Verweise:

GegenStandpunkt (2013): Zur Broschüre des Ums-Ganze-Bündnisses: „Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit“ Statt Kritik des Systems der Ausbeutung eine radikalkritische Absage an den „Systemzwang“ In: GegenStandpunkt, Ausgabe 1-2013, 2013, S. 135–156.
Postone, Moishe (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft: eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg, 2003.
Redaktion diskus (2010): Jenseits des Hauptwiderspruchs …die Nebenwidersprüche antworten umsGanze! In: Diskus -Frankfurter Student_innenzeitschrift, Ausgabe 2-2010, 2010.
Schlemermeyer, Jan (2011): Ist der Neoliberalismus ein politisches Projekt? Zur gesellschaftstheoretischen Fundierung der Hegemonietheorie durch die Neue-Marx-Lektüre., in: Ötsch, Walter Otto u.a. (Hrsg): Gesellschaft! Welche Gesellschaft? Nachdenken über eine sich wandelnde Gesellschaft., 2011, S. 157– 178.
…ums Ganze! (2009): Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit. Zur Kritik des kapitalistischen Normallvollzugs, Berlin, 2009.
Associazione delle Talpe Bremen (2010): Antideutsch, Antinational, Hegemonial?, 2010, abgerufen am 29.12.2013, http://associazione.files.wordpress.com/2008/06/antideutsch-antinational-hegemonial.pdf.
Basisgruppe Antifaschismus Bremen (2012): Der Klassenkampf und die Kommunist*innen. Ein Strategievorschlag, 2012, abgerufen am 15.07.2012, http://basisgruppe-antifa.org/wp/der-klassenkampf-und-die-kommunistinnen-ein-strategievorschlag/.
Basisgruppe Antifaschismus Bremen (2013): „…was uns trennt“. Brief an die ARAB. (2013), 2013, abgerufen am 04.06.2013, http://basisgruppe-antifa.org/wp/was-uns-trennt-brief-an-die-arab-2013/.
Gruppe Subway (2013): Love Feminism. Hate Homophobia. Germany. Capitalism, 2013, abgerufen am 15.11.2013, http://subwayonline.files.wordpress.com/2013/06/feminism_reader.pdf.
…ums Ganze! (2010): Kampagne “Keinen Finger krumm für diese Gesellschaft!”, 2010, abgerufen am 23.12.2013, https://umsganze.org/historie/2010-kampagne-keinen-finger-krumm-fur-diese-gesellschaft/.

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